Karate ist nicht nur im Dojo

( Dôjô nomi no karate to omou na )

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So lautet die von unserem Karatestilgründer Sensei (= Meister) Funakoshi formulierte achte von insgesamt zwanzig Grundregeln, welche sich jeder ernsthaft Karatetreibende im Laufe seines persönlichen Karatewegs zu eigen machen sollte.

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Der regelmäßige Leser unserer PSV-Vereinsnachrichten erinnert sich vielleicht noch daran, daß wir in dieser Reihe versuchen,  sowohl dem Karate-“Laien“ als auch dem schon länger praktizierenden Karateka den ideellen Rahmen aufzuzeigen, in welchem die tatsächlichen physischen Übungen im Karatetraining stattfinden sollen. Dieser Rahmen wird durch die eingangs erwähnten zwanzig kurzen ( - und einprägsamen -  ) Grundregeln vorgegeben.

Wie bereits an früherer Stelle erwähnt, gibt es keine Reihenfolge innerhalb dieser Regeln, welche die Wichtigkeit bestimmen soll. Die achte Regel, welche heute im Mittelpunkt unserer Betrachtung steht, soll aber nach Aussagen von zeitgenössischen Schülern Meister Funakoshis diesem besonders am Herzen gelegen sein.

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Tatsächlich enthält sie ja auch im gewissen Sinne die Antwort auf die Frage nach dem „Warum?“. Warum betreibt man eigentlich Karate. Aus Gewohnheit? Weil man keine andere passende Sportart im nächstgelegenen Verein gefunden hat? Weil der beste Kumpel schon mal davon geschwärmt hat? Oder weil es bei Jackie Chan immer so leicht (und lustig) aussieht, wenn die bösen Buben was auf die Mütze bekommen?

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Obwohl dies alles sicher denkbare Gründe für Laien sein können, zum ersten Mal ein Karatetraining zu absolvieren, obliegt es aber den Trainern („Meistern“?), im Unterricht gezielt darauf hinzuarbeiten, daß beim Einzelnen die Erkenntnis wächst, es gebe da vielleicht auch noch etwas anderes Anzustrebendes. Dieses „Andere“ ist nun aber nicht einfach im Vortragsstil ( - Frontalunterricht nannte man das mal in der Schulzeit - ) zu vermitteln, sondern muss von den (hoffentlich) lernwilligen Schülern durch regelmäßiges und natürlich anstrengendes Üben selbst erarbeitet werden. Hierzu gehören dann selbstverständlich genauso Erfolgserlebnisse wie Rückschläge, Stolz auf abgelegte Prüfungen wie Gefühle von „Ich schaff 's einfach nicht!“

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Wer sich aber bewusst über lange Zeit mit dem Allem ernsthaft auseinandersetzt, wird die Erfahrung machen, daß sich seine Persönlichkeit geändert hat. Eine solche Persönlichkeitsänderung ist nämlich ein wesentliches Ziel in der Kampfkunst Karate. Aufgrund von erworbenen Fähigkeiten sich notwendigen Auseinandersetzungen im Alltag zu stellen, statt ihnen aus dem Weg zu gehen, sich für richtig und wichtig Erkanntes einzusetzen, ohne dabei immer ängstlich auf mögliche Widerstände oder Anfeindungen zu schielen, dies ist der „Markenkern“ einer qualifizierten und qualifizierenden Karateausbildung.

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Selbstverständlich geht es dabei nicht um die eitle Selbstbespiegelung nach dem Motto „Seht her, was ich mich traue und was ich für ein toller Hecht bin!“ Der Karateka hat es in der ihm anerzogenen Bescheidenheit nicht nötig, mit seinen Fähigkeiten zu protzen. Er soll aber jederzeit im Ernstfall ohne langes Nachdenken diese Fähigkeiten im notwendigen Umfang nutzen  um eine Konfliktsituation angemessen zu bereinigen. Dies gilt sowohl bei körperlichen Auseinandersetzungen (Stichworte: Nothilfe, Notwehr), wie auch im zivilgesellschaftlichen Entgegentreten gegenüber Anfeindungen oder Angriffen auf Schwächere. Tagesaktuelle Szenarien lassen sich leicht vorstellen.

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Der Karateka als solcher ist natürlich nicht per se ein „besserer Mensch“. Er weiß aber, daß er stets an seinen Schwächen arbeiten und seine Stärken vergrößern muss. Lebenslang! Hierbei wird er durch sein Karatetraining unterstützt.

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Ihr / Euer 

Alexander Mitsanas, 

Trainer der Karateabteilung im PSV

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