Unheil entsteht durch Nachlässigkeit

( Wazawai wa getai ni shozu )

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Karate ohne das ihm eigene übergeordnete Regelwerk studieren zu wollen, ist wie der Wunsch, Wasser ohne ein passendes Gefäß in die Wüste mitzunehmen, um dort nicht zu verdursten. 

So haben wir es uns zur Aufgabe gemacht, in loser Folge einzelne Regeln aus diesem Regelwerk herauszugreifen und die ihnen zu Grunde liegenden „Weisheiten“ zu „übersetzen“. Diese erwähnten Grundregeln des Karates sind nicht fernöstliche Mystik, sondern klare Botschaften, welche auch von „Laien“ nachvollzogen werden können und nicht zuletzt auch im ganz gewöhnlichen Alltag bedacht und befolgt werden sollten.

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Die heute besprochene Regel „ Unheil entsteht durch Nachlässigkeit“ gehört zu den sogenannten 20 Grundregeln des Karate.

Wieso soll sie aber von so zentraler Bedeutung für unsere Kampfkunst sein? Der geneigte Leser kann ja bereits unserer Homepage entnehmen, daß es sich bei Karate - rein äußerlich betrachtet - um die Anwendung von explosiv ausgeführten Techniken mit Fäusten, Füßen und anderen Körperteilen handelt, welche bei einem unkontrolliertem Auftreffen auf einen anderen Körper in diesem schwerste Verletzungen oder sogar dessen Tod hervorrufen können.  Deswegen ist leicht einzusehen, daß ein Kontrollmangel immens gefährlich ist und nicht einfach hingenommen werden kann. 

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So wie im Straßenverkehr, in dem die meisten Unfälle aus kurzfristiger Unachtsamkeit beziehungsweise einer nachlässigen Einschätzung der Gesamtsituation entstehen und nicht etwa aus prinzipiellem Unvermögen ( - „Trunkenheitsfahrten“ einmal ausgenommen - ), so kann man diese kausale Tendenz auch im Karatetraining beobachten. 

Hieraus läßt sich aber auch schließen: Karate kann nur in einem geordneten Rahmen erlernt und trainiert werden, in dem sich der Einzelne bei allen Interaktionen mit einem Gegner / Partner jederzeit sowohl über seine eigenen tatsächlichen Fähigkeiten bewußt, als auch über jede seiner eigenen Bewegungen im Klaren ist und nicht einfach nur etwas „ausprobiert“, in der Hoffnung „wird schon irgendwie gutgehen“. Er darf jederzeit nur solche Techniken verwenden, die  er auch tatsächlich beherrscht. Um aber auf diese Stufe des Könnens zu kommen, muß er unter dem kritischen Auge des Trainers zuerst immer und immer wieder die exakte Bewegungsfolge einstudieren – so lange bis die Bewegung „im Schlaf beherrscht wird“. Erst dann darf eine solche Technik in (halb-)freier Anwendung gegenüber einem anderen eingesetzt werden. 

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Es ist mehr als ärgerlich, wenn aufgrund einer Nachlässigkeit in der Konzentration dem Gegenüber ein Zahn ausgeschlagen, oder eine Augen- oder Gelenkverletzung beigebracht wird. Spätestens dann sollte sich der Verursacher aber fragen, ob er mit dem nötigen Ernst bei der Sache ist, oder ob er nicht die Kampfkunst Karate mit einer ordinären Strassenkeilerei verwechselt.

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Wie aber lässt sich eine solche unerwünschte „Nachlässigkeit“ vermeiden?

Durch nichts weniger als dem Prinzip der „Achtsamkeit“! Versuche nicht 1000 Dinge gleichzeitig mehr schlecht als recht zu machen und sie dann „abhaken“, sondern widme dich jeder Tätigkeit in jedem Augenblick voll und ganz. Obwohl dieser Tipp im Zeitalter von MP3-Playern, Handys, Facebook, ständigem Emailaustausch, Chats, Twitter und anderen Aufmerksamkeitsdefizitmotoren sehr altmodisch klingt, liegt gerade hierin der Reiz der neuen Erfahrung, die einem beispielsweise auch durch ein Karatetraining wieder von Neuem vermittelt werden kann.

Belohnt wird diese außergewöhnliche Anstrengung durch die Aussicht, ein „Leben lang“ auf dem Wege einer Kampfkunst verletzungsfrei und gesund zu wandeln und möglicherweise in einer echten Gefahrensituation Unheil und Leid von Schutzbedürftigen oder der eigenen Person abwenden zu können.

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Im Kleinen läßt sich das Prinzip „Achtsamkeit“ übrigens auch schon jetzt im Frühling bei einem Frühlingsspaziergang einüben. Einfach mal abschalten, nicht an den Alltag denken und sich voll und ganz all seinen Sinneseindrücken hingeben. Ob das dann schon die erste Kampfkunsterfahrung ist oder einfach nur der erste Schritt einer Reise zu seinem eigenen Selbst mag jeder für sich selbst entscheiden.

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Ihr / Euer 

Alexander Mitsanas, 

Trainer der Karateabteilung im PSV

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