Im Karate gibt es keinen ersten Angriff

( Karate ni sente nashi )

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So lautet die von unserem Karatestilgründer Sensei (= Meister) Funakoshi formulierte zweite von insgesamt zwanzig Grundregeln, welche sich jeder ernsthaft Karatetreibende im Laufe seines persönlichen Karatewegs zu eigen machen sollte.

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Der regelmäßige Leser unserer PSV-Vereinsnachrichten erinnert sich vielleicht noch daran, daß wir in dieser Reihe versuchen,  sowohl dem Karate-“Laien“ als auch dem schon länger praktizierenden Karateka den ideellen Rahmen aufzuzeigen, in welchem die tatsächlichen physischen Übungen im Karatetraining stattfinden sollen. Dieser Rahmen wird durch die eingangs erwähnten zwanzig kurze ( - und einprägsame -  ) Grundregeln vorgegeben.

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Obwohl es vordergründig keine Reihenfolge der Regeln gibt, welche ihre Wichtigkeit bestimmen, so lässt sich doch grundsätzlich festhalten, daß die ersten Regeln von weit umfassenderer Natur sind, das heißt nicht nur aufs Karatetraining ausgerichtet sind, sondern etwas über den gesamten anzustrebenden  „way of life“ des Karatekas aussagen.

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Wie schon in einem früheren Beitrag über die dritte Regel („Karate ist ein Helfer der Gerechtigkeit!“) beschrieben, ist das ernsthafte Training des Karatekas kein Selbstzweck oder ein einfaches „Bauch-Beine-Po-Training“ (obwohl es natürlich auch Kalorien verbrennt und die Muskeln straffen kann), sondern dient vom Wesen her der Selbstverteidigung bzw. der Nothilfe für Schwächere. Hierfür wurde es historisch betrachtet entwickelt und weiterentwickelt, obwohl natürlich die heutigen gesellschaftlichen Bedingungen bei uns nicht wirklich mit der Situation im Okinawa des 17. bis 19. Jahrhunderts vergleichbar sind.

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Gehen wir aber nun etwas genauer auf die oben zitierte Regel ein, welche wir hier näher „sezieren“ wollen. Natürlich ist es klar, daß in jedem Kampfsport ohne vermittelte ethische Regeln es immer genügend geben wird, welche ihre „Fähigkeiten“ (vorzugsweise an Schwächeren) austesten wollen, um ihr eigenes aufgeblasenes Ego zu streicheln und sich in der Bewunderung ihrer Umgebung zu sonnen. Einschlägige Veranstaltungen werden ja öfters auch im Privatfernsehen spät in der Nacht bei uns gezeigt. Manchmal werden sie aber leider auch zur traurigen oder sogar lebensgefährlichen Realität auf Schulhöfen, in Fußgängerzonen oder in öffentlichen Verkehrsmitteln. Medial aufbereitete Vorfälle aus jüngerer Vergangenheit sind sicher dem ein oder anderen noch im Gedächtnis haften geblieben.

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Damit der Karateka sich nicht im Zuge eigener wachsenden technischen Fähigkeiten in diese verwerfliche und antisoziale Richtung entwickelt, ist es die Aufgabe von Trainern und der Gemeinschaft der übrigen Karatekas, ihm praktisch eine andere Haltung vorzuleben und eine Ausbildung angedeihen zu lassen, welche ihn in die richtige Richtung lenkt.

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Wer aufmerksam einem Karatetraining zuschaut erkennt daß in der sogenannten Grundschule (d.h. dem exakten Einstudieren der elementaren Karatetechniken) die erste Bewegung aus der Bereitschaftsstellung heraus immer eine Verteidigungsblocktechnik ist, mit der ein gegnerischer Angriff abgewehrt werden könnte, aber nie eine offensive Angriffsbewegung wie z.B. ein Fausstoß. Dies ist äußeres symbolisches Zeichen für die anzustrebenden Grundeinstellung des Karatekas. Natürlich soll und kann an dieser Stelle aus Platzgründen nicht erörtert werden, wie realistisch es ist, daß ein angenommener Gegner draußen „in freier Wildbahn“ genau mit jener Technik als erstes angreift, gegen die diese Abwehr funktionieren würde. Vielmehr geht es darum, daß Handlungen, die wir sehr oft und immer auf die gleiche Weise machen uns irgendwann „in Fleisch und Blut übergehen“ und unbewußt ohne großes Nachdenken abgerufen werden können. Dies können sicher regelmäßige Auto- oder Fahrradfahrer nachvollziehen, wenn sie sich mal fragen, wie viele der alltäglichen Aktionen (kuppeln, schalten, kleinste Lenkbewegungen) sie tatsächlich bewußt machen.

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Doch zurück zum Karate. Es handelt sich schon bei dieser ersten einfachen standardisierten Abwehrbewegung nie um eine Abwehr im „Rückwärtsgang“ oder gar in einer Art Fluchtbewegung, sondern sie geht im Gegenteil immer der Gefahr entgegen, was schon eine gehörige Portion Selbstvertrauen erfordert und unserem biologisch angeborenen Fluchtinstinkt entschieden widerspricht. Diese Grunderfahrung muß natürlich später noch viele tausendmal auch mit realen Gegnern im Dojo eingeübt werden, bevor man erfolgversprechend draußen auf der Straße im Notfall vielleicht agieren kann.

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Es ist aber ebenso ein Anfängerirrtum, daß diese Regel bedeuten würde, in der Notwehrsituation müsse man erst warten, bis der Angreifer tatsächlich seinen ersten Schlag vollständig ausführt, diesen dann mit einer Abwehrbewegung blocken und erst dann dürfe man die erste Gegenangriffstechnik starten. Dies steckt keinesfalls in der Regel.

Im Laufe der Karateausbildung lernt man den Moment, in dem der Gegner mit seinem Angriff starten will, zu antizipieren und dies ist der eigentliche Startzeitpunkt für die eigene Reaktion, welche geeignet sein muß, die Situation so schnell wie möglich zu bereinigen. Minutenlanger Schlagabtausch mit Treffern in Gesicht auf Organen und Gelenken mögen vielleicht im Actionfilm die Spannung steigern, in der Realität ist der menschliche Körper hierfür aber leider nicht geschaffen und am Ende steht dann wahrscheinlich eher ein ungewollter Kontakt mit den Segnungen der Intensivmedizin als eine ethisch „edle“ Selbstverteidigung.

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Um aber diesen Moment des unmittelbar bevorstehenden ernsthaften gegnerischen Angriffs wirklich zu erspüren muß man sich frei von Ängsten oder eitler Selbstbespiegelung machen. Der Geist des wahrhaften Verteidigers konzentriert sich nur auf den Augenblick, nicht auf Vergangenheit oder Zukunft, nicht auf die spätere juristische Aufarbeitung oder aktuelle Gefühle. Dieser dann „leere“ Geist nimmt alles auf und kann sehr vieles sehr schnell bewirken, da er auch keinen Umweg über zeitraubende intellektuelle Erörterungen um Für und Wider nehmen muß. Auch ein Spiegel zeigt ja das Spiegelbild eines Objektes welches sich vor ihm befindet sofort und nicht erst nach längerem Nachdenken!

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Machen wir uns aber nichts vor! Diese Haltung muß man erst in langen Jahren ernsthaften Trainings erlernen. Das ist sicher kein Projekt für ein oder zwei Jahre in dem man sich halt ein wenig bemüht. Aber Karate ernsthaft betrieben ist ja auch eine lebenslängliche Herausforderung an der man immer weiter wachsen kann.

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Ihr / Euer 

Alexander Mitsanas, 

Trainer der Karateabteilung im PSV

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