Hart und weich, Spannung und Entspannung, langsam und schnell, alles in Verbindung mit der richtigen Atmung

( Chikara no kyojaku, tai no shinshuku, waza no kankyu o wasureruna )

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So lautet die von unserem Karatestilgründer Sensei (= Meister) Funakoshi formulierte neunzehnte   von insgesamt zwanzig Grundregeln, welche sich jeder ernsthaft Karatetreibende im Laufe seines persönlichen Karatewegs zu eigen machen sollte.

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Im Rahmen dieser Beitragsreihe in unseren PSV - Vereinsnachrichten versuchen  wir,  sowohl Laien als auch praktizierenden Karatekas die tiefere Bedeutung dieser Regeln aufzuzeigen. 

Die Reihenfolge der 20 Regeln bedeutet nicht etwa, daß später aufgeführte Regeln weniger Gewicht hätten als welche die weiter am Anfang stehen. Wohl aber gibt es eine Parallelität zum individuellen Lernweg der meisten Karatekas. Die in der zweiten Hälfte aufgeführten Regeln haben meist einen höheren Abstraktionsgrad und bedürfen zu ihrer tieferen Durchdringung schon eine durch längeres Praktizieren bedingte Reife und einen größeren Erfahrungshorizont. 

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Der in der neunzehnten Regel  besprochene Sachverhalt hat verschiedene Offenbarungsebenen, von eher oberflächlich analytischen bis hin zum Aufzeigen der geistesgeschichtlichen Verknüpfung der Kampfkunst Karate mit der asiatischen Lebensphilosophie ( Stichwort „Yin und Yang“) sowie der Einbettung in die Philosophie des ZEN, welche untrennbar mit den wahren Kampfkünsten ( BUDO) verbunden ist.

Schaut sich der unbefangene Beobachter das Resultat einer vollständig ausgeführten Karatetechnik, z.B. bei einem Bruchtest, einmal an, so wird das Hauptaugenmerk zunächst auf die „Härte“ der Technik gelenkt. Auch bei vielen Anfängern kommt deshalb sehr bald die Frage: „Wie kann ich in kurzer Zeit so „hart“ werden, daß ich ähnlich eindrucksvolle Wirkungen zustande bringe?“ 

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Das ist aber meist auch der Moment, in dem man als Neuling oft das Gleichnis von der Eiche und dem Bambus zu hören bekommt, in welchem es um die Frage geht, wer von beiden wohl einen Sturm besser überstehen könne und deshalb wohl der effektiv stärkere sei. 

Wenn man einen eifrigen Anfänger beispielsweise bei der Ausführung einer Fausttechnik beobachtet, so stellt man fest, daß die Technik, mit dem Vorsatz besonders stark sein zu wollen, relativ langsam nach vorn „geschoben“ wird. Die gleiche Bewegung nach langjährigem Training sieht aber völlig anders aus. Da „geschieht“ sie aus einer absolut entspannten Anfangshaltung heraus mit einer um ein Vielfach höheren Geschwindigkeit und Explosivität. Da die Wirkung im Ziel aufgrund unumstößlicher physikalischer Naturgesetze aber mit dem Quadrat der Geschwindigkeit wächst – also dreifache Geschwindigkeit produziert neunfache Zerstörungskraft - kann man sich leicht vorstellen, weshalb das Training auf das Erreichen des zweit genannten Bewegungsmusters abgestimmt wird.

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Sportphysiologisch betrachtet besteht unser Bewegungsapparat aus vielen Muskelgruppen mit ihren jeweiligen Gegenspielern. Also z.B. am Oberarm dem Bizep als Beugemuskel und seinem Gegenspieler, dem Trizep auf der Oberarmrückseite als Streckmuskel. Diese beiden Muskelgruppen arbeiten dabei immer gegeneinander. Die tatsächlich nach Außen wirkende Kraft, z. B. beim Heben einer Hantel, ist nur die Differenz der Kräfte dieser „gegnerischen“ Muskeln. Gelingt es deshalb, den Bizep fast vollständig zu entspannen, kann die Kontraktionsenergie des Trizeps nahezu vollständig in Bewegungsenergie eines Fauststoßes umgewandelt werden, was die beobachtete höhere Endgeschwindigkeit und eine höhere Zerstörungskraft im Ziel zur Folge hat. Dies möge als ein offensichtliches Beispiel für den Dualismus Spannung und Entspannung dienen.

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Auch die Wichtigkeit des Begriffspaares „langsam – schnell“ kann wieder sehr gut bei der unterschiedlichen Kampfweise von Anfängern und Fortgeschrittenen beobachtet werden. Während der Anfänger oft mit hektischen und ständigen Ortsverlagerungen sich eine gute Ausgangslage für einen Angriff schaffen bzw. einem gegnerischen Angriff ausweichen will, verharrt der Fortgeschrittene nahezu still oder scheint sich in Zeitlupe zu bewegen, um dann überraschend,  einer Kobra vergleichbar, mit einer wirkungsvollen Technik in den Entscheidungsbereich  hinter die gegnerische Deckung einzudringen.

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Als biologische Wesen müssen wir zur Aufrechterhaltung unserer Lebensfunktionen stets atmen, um unsere Körperzellen (Muskeln, Nerven, Gehirn usw.) mit dem lebensnotwendigen Sauerstoff zu versorgen. Im Allgemeinen machen wir uns hierüber im Alltag keine Gedanken, da die Atmung normalerweise eine unbewusste reflexartige Handlung ist. Ausnahmen treten aber z.B. bei einem Treffer auf den Solar Plexus (einem Nervengeflecht unterhalb des Brustbeines) auf oder wenn wir aufgrund von Streß anfangen zu hyperventilieren („Schnappatmung“ wie ein Fisch auf dem Trockenen). Auch effektive Karatetechniken hängen von der „richtigen“ Atmung ab. Nur im Moment der starken Ausatmung können wir die nötige Ganzkörperspannung aufbringen um hinter einer Technik zu stehen und deren Wirkung zu maximieren. Diese maximale Ausatmung stellt dann der KIAI dar.

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So wie die oben beschriebenen Beispiele sicher einen Deutungsaspekt der in der Regel genannten Begriffspaare darstellen, gibt es aber auch eine viel grundsätzlichere Interpretationsebene: Hierbei geht es nämlich um die Haltung des Karatekas gegenüber dem Leben als Ganzem. Es sollte ihm nahe gebracht werden, daß das Leben als solches immer nur in seinen gegensätzlichen Aspekten betrachtet werden soll und das Streben nach nur einem Aspekt diesem nie gerecht werden kann und in letzter Konsequenz immer zu einem Scheitern führen muß. Der Karateka sollte dabei einen Gleichgewichtszustand anstreben, in dem er mit einem gewissen Gleichmut einen Zustand der Harmonie mit dem „Universum“ anstrebt. Dieser Gleichmut erfordert übrigens auch das Training der richtigen Atmung, da diese im positiven Sinne nivellierend wirken oder im negativen Falle jegliche Harmoniebestrebung zunichte machen kann.

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Obwohl sich dies für das unbedarfte Ohr sehr esoterisch anhört, kann dieser „Flow“ doch nach langjährigem ernsthaften Training tatsächlich von jedem selbst wahrgenommen werden. Eine Erfahrung die man sicher jedem Mitmenschen gerne gönnt. Und wenn Karatetraining dazu dienen kann, diese Erfahrung irgendwann selbst zu machen, sind die bis dahin vergossenen Ströme an Schweiß sicher ein geringer aber gerechtfertigter Preis.

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Ihr / Euer 

Alexander Mitsanas, 

Trainer der Karateabteilung im PSV

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