Das Einnehmen einer Haltung gibt es beim Anfänger, später gibt es den natürlichen Zustand

( kamae wa shoshinsha ni, ato wa shizen-tai )

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So lautet die von unserem Karatestilgründer Sensei (= Meister) Funakoshi formulierte siebzehnte von insgesamt zwanzig Grundregeln, welche sich jeder ernsthaft Karatetreibende im Laufe seines persönlichen Karatewegs zu eigen machen sollte.

Unterzieht sich ein Anfänger den ersten Bemühungen auf seinem noch hoffentlich langen Karatetrainingsweg bekommt er stets zu hören: Nimm diese oder jene Stellung ein! Stehe tiefer! Belaste dein hinteres oder vorderes Bein mehr! Stehe links (oder rechts) vor ( - eine Anweisung, die manch einen vor das Problem stellt: „Welches links?“ - )! Nimm deinen Deckungsarm höher oder senke ihn um ein paar Zentimeter!

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Und unser armer Anfänger denkt nicht nur einmal: „Was wollen die eigentlich von mir?“ Das ist doch überhaupt nicht realistisch und wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, daß ich von einem potentiellen Aggressor genau so angegriffen werde, daß ich exakt aus dieser Haltung heraus mich verteidigen könnte. Natürlich gibt es auch jene Kategorie Anfänger, die alles ganz genau ausdiskutieren wollen, da sie eine viel plausiblere Haltung „kennen“, welche sicher viel besser geeignet ist. Und ist das Kampfsystem XY nicht vielleicht sogar prinzipiell dem Karate überlegen?

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Abgesehen von den hier auftretenden (sport-)pädagogischen Problemen für den Trainer / Sensei  unter Aufbietung seiner (hoffentlich vorhandenen) natürlichen Autorität wieder vom gemütlichen Plauderstündchen wegzukommen und eine seriöse, den ganzen Körper und Geist fordernde Trainingssituation wiederherzustellen, bleibt natürlich die Frage tatsächlich offen, warum dies alles so und nicht anders praktiziert werden muß.

Die Begriffe „Haltung“ und „Zustand“, wie sie in dieser Regel gebraucht werden sind zweideutig.

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1. Beschreiben sie die tatsächliche physisch eingenommene Position. Wie stark sind unsere Gliedmaßen gestreckt oder gebeugt? Welche Muskeln sind wie stark kontrahiert bzw. entspannt? Welche Form nimmt unsere Wirbelsäule tatsächlich ein? Wie ist die Gewichtsverteilung auf unseren Füßen? Wie groß ist die Auftrittsfläche der Füße auf dem Untergrund und wie ist dort ihre Druckverteilung?

All dies bestimmt nämlich, ob wir uns im stabilen oder labilen Gleichgewicht befinden oder ob wir innerhalb der nächsten Sekundenbruchteile rutschen oder fallen. Für die Ausführung einer Technik entscheidet sich schon hier ob sie prinzipiell wirkungsvoll sein kann, oder ob wir einfach beim Auftreffen der Technik durch den Rückstoß zurückgeworfen werden und der Stoß oder Schlag dann wirkungslos verpufft.

Bis unser Körper diese zahllosen Nuancen möglicher Körperhaltungen mit „allen Fasern“ sinnlich erfährt und sich „merken“ kann, muß er diese viele tausend Male eingenommen haben und die jeweilige (Un-)Wirksamkeit praktisch erfahren haben. Erst nach einem derartigen Reifeprozess ist der Körper tatsächlich in der Lage, in minimaler Zeit je nach Erfordernis diejenige Stellung einzunehmen, die sowohl ein Optimum an Wirkung, wie auch die erforderliche Flexibilität für nötige Ortswechsel, beinhaltet. Diese Stellung entspricht dann dem sogenannten natürlichen (Zu-)Stand, da der Körper ihn vollautomatisch ohne reflektierende Verzögerung einnimmt. Selbstredend sprechen wir hierbei von langen Zeiträumen ernsthaften Trainings, die eher nach Jahrzehnten als nach Jahren oder gar Monaten bemessen werden.

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2. Haltung und Zustand beschreibt aber auch die psychische und mentale Verfassung in der man sich befindet. Wie ist man auf zunächst noch klar verabredete, später aber immer weniger abgesprochene Situationen vorbereitet? Reagiert man eher zögerlich, nach langem Abwägen von Für und Wider und Durchspielen aller möglichen Alternativszenarien, oder ist man in der Lage, unerschütterlich und spontan das Notwendige zu tun und taktisch korrekt im Rahmen einer sinnvollen Strategie zu operieren? Eine solche Unerschütterlichkeit ist eine der zentralen Anforderungen an den klassischen Kampfkünstler. In den asiatischen 

Kampfkünsten wird hier auch oft der Begriff von „Absichtslosigkeit“ (chin. wuwei) verwendet, wie er als Idee aus dem Konfuzianismus stammt und die korrekte Handlung bezeichnet, die nicht aus Überlegung heraus entsteht, sondern sich als quasi zwangsläufig aus der Situation ergibt und diese auflöst, weil der Mensch sich nicht mit emotionaler Anhaftung an irgendwelche Erwartungen blockierend in den Weg gestellt hat. Im japanischen gibt es hierfür das auch im Zen beheimatete Konzept Mushin, das ebenfalls den Zustand beschreibt, in dem sich der eigene Geist und die Wahrnehmung in einem Fluß befinden und zu keinem Zeitpunkt unterbrochen werden wodurch er sich jeder Veränderung der Umwelt ohne Zeitverzögerung anpassen kann. Die Erreichung eines hierfür erforderlichen geistigen Gleichgewichts ist noch schwieriger als sein im ersten Punkt benanntes physisches Gegenstück. Ohne dieses wird man aber nie ein auch nur annähernd guter Kämpfer. Hat man aber andererseits diesen Zustand erreicht, so muß man nicht länger darüber nachdenken. Er wird zur eigenen zweiten Natur, oder wie es in der Regel heißt, zum „natürlichen Zustand“!

In diesem Sinne wünsche ich uns allen Gesundheit, Fleiß und Ausdauer, um an der Erreichung dieses natürlichen Zustands zu arbeiten.

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Ihr / Euer 

Alexander Mitsanas, 

Trainer der Karateabteilung im PSV

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