Wandle Dich abhängig vom Gegner

( Teki ni yotte tenka seyo)

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So lautet die von unserem Karatestilgründer Sensei (= Meister) Funakoshi formulierte dreizehnte   von insgesamt 20 Grundregeln, welche sich jeder ernsthaft Karatetreibende im Laufe seiner Karateausbildung zu eigen machen sollte, um eines Tages vielleicht die im Karate – Do, dem „Weg des Karate“,  verborgene tiefere Weisheit zu erspüren. 

Der geneigte Leser unserer PSV - Vereinsnachrichten erinnert sich vielleicht noch, daß wir an dieser Stelle in regelmäßiger Folge versuchen,  sowohl Laien als auch praktizierenden Karatekas aufzuzeigen, daß Karate nicht nur ein Programm sportlicher Bewegungsmuster umfasst, sondern vor allem dank der zwanzig Regeln von Meister Funakoshi ein pädagogisches Projekt darstellt, welches zur Entwicklung und Vervollkommnung jedes einzelnen Karatekas beiträgt, der sich dann auch hoffentlich in seiner Umgebung außerhalb des Dojos (= Übungsraum) entsprechend angemessen verhält.

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Was soll diese Regel also bedeuten? Etwa daß man optimalerweise sein Fähnchen immer in den Wind hängen soll und jedem Recht geben solle, egal wie sehr dieser im Unrecht ist? Vielleicht sogar, daß man sich immer als Teil einer moralischen Mehrheit präsentieren soll, die jederzeit unter Verzicht auf jegliche Toleranz gegenüber Andersdenkenden, die eigene Meinung notfalls auch mit Gewalt durchsetzt? Und das soll dann womöglich  charakterbildend sein?

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Natürlich nicht! Jeder von uns hat sicher in seinem eigenen Alltag schon mehr als einmal versucht, etwas was ihm wichtig erschien, gegenüber anderen Meinungen oder Ansichten, mehr oder weniger erfolgreich durchzusetzen. Sicher blieb dabei auch hin und wieder nicht die Erkenntnis aus, daß man manchmal grandios scheiterte, weil das Gegenüber einfach nicht einsichtig wurde. Bei genauerer Analyse im Nachhinein blieb einem vielleicht nicht einmal verborgen, daß es hier nicht um den tatsächlichen inhaltlichen Punkt ging, sondern vielmehr der situativen Dynamik zu verdanken war, daß keiner auch nur einen Millimeter von seinem Ausgangspunkt abweichen wollte.

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Auf dem Buchmarkt tummeln sich nicht zuletzt deshalb auch zahlreiche Managmentratgeber für  perfekte und unbesiegbare Verhandlungsstrategien. Oft übrigens auch unter Berufung auf „uralte“ asiatische Lehrbücher, wie z.B. diejenigen des chinesischen Generals und Philosophen Sun Tzu (544 – 496 v. Chr.) .

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Unsere heute beleuchtete Regel soll nichts weniger leisten, als uns auf die Art und Weise, wie man sich in Auseinandersetzungen (Kämpfen) verhalten soll, vorzubereiten. Wie wir schon an anderer Stelle gelesen haben (Regel 2: „Im Karate gibt es keinen ersten Angriff.“) sollte man nie selbst als Aggressor einen Kampf beginnen und wie ein Heißsporn blind voranstürmen, sondern immer in natürlicher Weise auf den Gegner reagieren. Das bedeutet insbesondere, daß man nicht von vornherein einen Plan für den Kampfverlauf aufstellt und sich an diesen sklavisch klammern will, sondern daß man flexibel auf den durch den Gegner hervorgerufenen ständigen Wandel der Situation flexibel und angemessen reagiert. Es nützt z.B. überhaupt nichts, gegen einen sehr starken Gegner mit noch mehr Krafteinsatz gewinnen zu wollen – selbst wenn wir diese Kraft hätten. Genauso wenig übrigens wie einen blitzschnellen Gegner mit Hilfe noch größerer Geschwindigkeit bekämpfen zu wollen. Nachgiebigkeit und zum richtigen Zeitpunkt Ausweichen um sich erfolgversprechender neu zu positionieren ist da meist ergiebiger. Was aber selbstverständlich nicht heißen soll, daß man aus einer so erreichten vorteiligen Position nicht bei einer sich plötzlich ergebenden Gelegenheit  entschieden den eigenen Angriff ins Ziel bringt und den Kampf für sich entscheidet.

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Um so zu kämpfen, bedarf es natürlich eines langen und ernsthaften Trainings, in dessen Verlauf wir in erster Linie unser falsches Ego und unsere Ängste bekämpfen lernen, welche im Ernstfall meist die Ursache dafür sind, daß wir uns nicht vollständig auf unseren Gegner einlassen können und die meiste Zeit damit beschäftigt sind (sinnlose) Pläne für die Auseinandersetzung zu schmieden, welche durch die Realität meist ziemlich schnell obsolet werden.

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Übrigens kann ein derart verändertes Ego auch dazu führen, manch einen Kampf überhaupt nicht führen zu müssen. Insbesondere im Alltagsleben. Vermeidung eines Kampfes aus der Position der Stärke – nicht etwa der Schwäche – ist manchmal tatsächlich die bessere Option. Ab und zu kann man seinen Gegner dadurch vielleicht sogar als Partner oder Freund gewinnen. Durchaus auch eine bedenkenswerte Perspektive, wie ich finde.

In diesem Sinne wünsche ich Euch und uns allen stets die Fähigkeit durch Wandel zu überdauern.

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Ihr / Euer 

Alexander Mitsanas, 

Trainer der Karateabteilung im PSV

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