Verbinde Dein alltägliches Leben mit Karate, das ist der Zauber der Kunst

(  arayuru mono o karateka se soko ni myômi ari  )

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So lautet die von unserem Karatestilgründer Sensei (= Meister) Funakoshi formulierte zehnte von insgesamt zwanzig Grundregeln, welche sich jeder ernsthaft Karatetreibende im Laufe seines persönlichen Karatewegs zu eigen machen sollte.

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Der Leser der letzten Ausgabe unserer PSV-Vereinsnachrichten vom November 2015 erinnert sich vielleicht noch daran, daß wir seinerzeit die achte Regel („Karate ist nicht nur im Dojo“ = „Karate findet nicht nur in der Trainingshalle statt!“) besprochen hatten. Diese steht in sehr engem inhaltlichen Zusammenhang zu der heute zu besprechenden Regel.

Dieses „Verbinde Dein Leben mit Karate!“ ist eine eindeutige Aufforderung an den fortgeschrittenen Karateka seine in langen Traininingsanstrengungen herausgebildeten mentalen, ethischen, psychologischen  Fähigkeiten auch im Alltag anzuwenden. Was natürlich nicht heißt, dass er mit seinem „Können“ in der Gegend herum prahlt und jedem in seinem Umfeld ungefragt erzählen muss, was er für ein toller unbesiegbarer Typ sei, dem niemand etwas könne. Nicht nur das dies gegen den Grundsatz der Bescheidenheit verstieße, welche eine zentrale Forderung an die Geisteshaltung des Karatekas ist, nein es wäre einfach nur dumm und provokativ wenn nicht sogar verletzungsträchtig.

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Was kann der Karateka aber aus seinem Training in die weite Welt mit hinaus nehmen? Ohne Anspruch auf Vollständigkeit oder Sortierung nach Wichtigkeit will ich an dieser Stelle nur ein paar Leitgedanken aufzählen:

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1. Eigene „Leidensfähigkeit“:

Das Erlernen und praktische Üben ist oft mit großen Anstrengungen, Muskelkater, hin und wieder kleineren Prellungen oder ähnlichen Widrigkeiten verbunden, welche aber nicht zum Anlaß genommen werden dürfen einfach aufzugeben, sondern im Gegenteil zur Mehrung der Anstrengungen führen sollen. Auf den Alltag übertragen bedeutet dies z.B. die klare Vorstellung, daß die Verfolgung wichtiger Ziele nicht schon beim Verspüren des ersten leichten Gegenwinds eingestellt werden sollte, sondern daß man gerade dann seine Anstrengungen vervielfachen muß.

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2. Aufrichtigkeit:

So wie im Training und in den Übungskämpfen keine Heimtücke oder Hinterlist erlaubt ist, so soll der Karateka auch im Alltag aufrichtig für seinen Standpunkt kämpfen ohne seine Gegner zu  verunglimpfen oder zu verleumden. Natürlich darf man taktisch und strategisch vorgehen, niemals aber durch die eigenen Methoden die Ziele (moralisch) korrumpieren.

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3. Respekt:

Jedes Gegenüber verdient Respekt. Man kann zwar für seine Positionen erbittert kämpfen, niemals aber darf man seinem Gegner die Achtung als menschliches Wesen versagen und ihn zu entwürdigen versuchen. Niemals danach trachten, ihm einen „Gesichtsverlust“ beizubringen. Übrigens sollte dies für alle Lebewesen, nicht nur für Menschen, gelten. Dieser Respekt erfordert auch, daß man sich schon vor seinen Handlungen darüber Gedanken macht, wie sie wirken könnten und nicht billigend in Kauf nimmt, daß aus Gedankenlosigkeit heraus seinem Gegner bleibender (Image-)Schaden erwächst. So wie sich der Karateka im Training bewußt sein muss, dass seine Arme und Beine Waffen sind , die nicht leichtfertig und unkontrolliert eingesetzt werden dürfen, so muß er auch „draußen“ im Zivilleben um die Wirkung von Worten oder Darstellungen als Waffen wissen und diese genausowenig leichtfertig einsetzen.

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4. Nachsicht:

So wie es auch im Training vorkommen kann, daß ein anderer Karateka sich selbst nicht gut genug unter Kontrolle hat und deshalb möglicherweise auch mal einen härteren Treffer landet, so darf der getroffene Karateka nicht einfach ein „Revanchefoul“ begehen oder sogar danach trachten, sein Gegenüber gezielt niederzuschlagen. Er hat vielmehr Nachsicht zu üben und bestenfalls darüber nachzudenken, wie er seine eigene Deckungsfähigkeit oder Verteidigungsstrategie anpassen kann um das eigenes Risiko zu minimieren. Im Alltag gilt das selbe.

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5. Loslassen:

Im Training merkt man oft, dass zuviel Nachdenken eine Technik eher schlechter als besser macht und dass absichtsvolles Handeln wollen oft viel zu langsam und unwirksam ist, da man die ganze Zeit damit beschäftigt ist, seine Absichten den neuen veränderten zeitlichen und räumlichen Situationen anzupassen, anstatt intuitiv die richtige Verteidigung oder Angriffe auszuführen. Erst wenn Bewegungsabläufe so viele (tausende) Male geübt werden, daß sie ins „Bewegungsgedächtnis“ des Körpers übergehen, kann dieser in der entsprechenden Situation ohne das eigene Zutun eines (zeitverschwendenden) Entscheidungsprozesses, diese Abläufe in Form einer funktionierenden Abwehr oder eines Angriffs abrufen. Diese Handlung ist dann instinktiv und unterliegt nicht unserer bewussten Kontrolle. Als Handelnder hat man sich in diesem Moment von seinem Kontrollzwang gelöst und „los gelassen“. Auch im Alltag lässt sich diese Fähigkeit, nicht zu zaudern sondern „instinktiv“ (richtig) zu handeln, erfolgreich einsetzen.

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6. Relativierung von „Sieg“ und „Niederlage“:

So wie man im Training lernt oder zumindest lernen sollte, daß es sich in der Kunst des Kämpfens nicht um Sieg oder Niederlage handelt, sondern darum einen guten Kampf geführt zu haben, übt sich der Karateka auch im Gleichmut und lässt sich nicht von emotionalen Stürmen davontragen, bloß weil er mal „verloren“ hat. „Rache“ für eine Niederlage verliert deshalb als Konzept in seinem Denken den Platz. Wieviele sinnlose Auseinandersetzungen und Kriege sind in der Welt um uns herum schon angezettelt worden, nur um sich für empfundene „Schmach“ nach tatsächlichen oder vermeintlichen Niederlagen in der Vergangenheit zu rächen?

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7. Relativierung des eigenen Ichs:

Im Verlauf der Trainingsjahre lernt man, sich selbst nicht allzu ernst zu nehmen und schon erst recht nicht als den Nabel der Welt zu betrachten. Die eigene freiwillige Unterordnung unter Traditionen, Gepflogenheiten und den spirituellen Gesetzen einer Kampfkunst lehrt einen Bescheidenheit und die Selbstwahrnehmung als einem Element eines viel größeren Gebildes, sowie den Wunsch die eigenen erworbenen Fähigkeiten in den Dienst dieser Sache (z.B. durch Übernahme eine Trainertätigkeit) zu stellen. Im Alltag kann dies leicht übersetzt werden mit der Akzeptanz, eine wichtige Rolle in der Zivilgesellschaft spielen zu wollen.

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8. Kampfkunst und Lebenskunst:

Das Konzept der Kampfkunst lebt von einem lebenslangen Streben nach Vervollkommnung in äußerlichen und inneren Fähigkeiten. Hierzu muß der Karateka fortwährend neue Anstrengungen unternehmen und sich nicht faul auf dem Erreichten ausruhen. Mit wachem Geist muß er seine Umgebung wahrnehmen und sich den Herausforderungen mutig stellen. Dies gilt genauso für sein Leben außerhalb des Dojos. Möglicherweise erkennt er dabei, daß dies sogar ein Schlüssel zum Lebensglück sein kann!

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Ihr / Euer 

Alexander Mitsanas, 

Trainer der Karateabteilung im PSV

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