Vergiss nie:  „Karate beginnt und endet mit Respekt (rei)“

(Karatedo wa rei ni hajimari, rei ni owaru koto wo wasuruna.)

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So lautet die von unserem Karatestilgründer Sensei (= Meister) Funakoshi absichtlich an erste und damit prominenteste Stelle gesetzte Grundregel für alle Karatekas. Diese Grundsätze sind in der Karatewelt auch als die „Zwanzig Paragraphen des Karate-Do“ bekannt. Der regelmäßige Leser  dieser Reihe kann sich vielleicht auch an die anderen bereits in unseren Vereinsnachrichten behandelten Lehrsätze erinnern. 

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Was bedeutet dieser Grundsatz aber nun für den ernsthaft Karateausübenden und was kann er auch möglicherweise für die uns umgebende Gesellschaft bedeuten. Dies sind die Fragen, mit denen wir uns heute an dieser Stelle inhaltlich beschäftigen wollen.

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Erster und äußerer Ausdruck innerhalb jedes traditionellen Karatetrainings ist die Verbeugung jedes Karatekas im Dojo (= Trainingsraum) vor seinem Gegenüber vor und nach jeder gemeinsamen Übung im Stehen, sowie zu Beginn und Ende des Trainings im Sitzen. Dieses „Ritual“ der Verbeugung ist im Übrigen ein wesentliches und unabänderliches Merkmal aller asiatischen Kampfkünste im Allgemeinen und unseres Karates im Speziellen.

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Die Verneigung vor seinem Gegenüber ist im Übrigen völlig unabhängig vom Erfahrungsgrad der Beteiligten, das heißt der „Meister“ verbeugt sich genauso ernsthaft und respektvoll vor dem „Anfänger“ wie umgekehrt. Anstatt sich mit solchen Fragen zu beschäftigen, ob der „Gegner“ überhaupt eine angemessene Herausforderung darstellt, oder ob man durch ihn nicht vielleicht unter- oder überfordert sein wird, stellt man sich in der Auftaktverbeugung dem gegenwärtigen Augenblick voll und ganz und bedankt sich schon vorab beim Gegner für die Möglichkeit, sich selbst in der kommenden Kampfsituation besser kennenlernen und weiterentwickeln zu können. Nach der Übung oder dem Kampf bedankt man sich beim Gegner für dessen Ernsthaftigkeit während der gesamten Handlungen und seinen bewussten Verzicht auf eitle, arg- oder hinterlistige Aktionen, welche im Allgemeinen sogar zu Verletzungen führen und dabei noch nicht einmal etwas über die wahren Kampfqualitäten der Beteiligten aussagen können. In der abschließenden Verbeugung steckt aber genauso ein eigenes Innehalten, welches uns ermöglicht, uns von allzu emotionalen Regungen wie z.B. Eitelkeit, falschem Stolz, Traurigkeit oder ähnlichen zu lösen und wieder eine Haltung des Gleichmuts einzunehmen. Ist uns unser Part in der Übung hinreichend gut gelungen, so steckt in dieser anschließenden Verbeugung auch der Respekt gegenüber all den Meistern (und Trainern) in der Vergangenheit, deren Arbeit mit uns erst heute diesen (hoffentlich hohen) technischen Standard ermöglicht haben. Beim Fortgeschrittenen wird dies auch meist von einem Gefühl der Dankbarkeit gegenüber der Kampfkunst als solcher begleitet, welche uns erst die Möglichkeit gibt, uns so illusionslos mit uns selbst auseinanderzusetzen, und dem stillen Einvernehmen, diese Kunst noch sehr lange ausführen zu wollen.

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Voraussetzung ist aber natürlich die innere aufrichtige Haltung während der Verbeugung, nicht nur die muskuläre Aktion der Beugung der Wirbelsäule. Leider ist aber auch hin und wieder eine derart sinnentleerte Handlung und Haltung bei manchen Karatetreibenden zu beobachten. Möglich dass sie nie Lehrer hatten, welche ihnen diese innere Haltung im (Trainings-)Alltag vorlebten. Möglich aber auch, dass sich bei ihnen der Irrglaube verfestigt hat, man könne diesen „ganzen rituellen Quatsch ersatzlos streichen“ und trotzdem ein „guter Karateka“ werden. Übrig bleibt dann aber leider nur ein Sammelsurium von strukturell gewalttätigen Bewegungsmustern. Gott sei Dank ist die (zeitliche) Karriere solcher „Artisten“ aber meist nur von kurzer Dauer.

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Im japanischen Original wird der Begriff  „rei“ meist mit „Respekt“ übersetzt. Er bedeutet aber auch „Höflichkeit“. Um aber einem ebenfalls oft auftretenden Missverständnis vorzubeugen, müssen wir noch kurz auf  die Begriffe „Respekt“ bzw. „Höflichkeit“ eingehen, wie sie eigentlich in diesem Kontext gemeint sind. Respekt meint nicht die bedingungslose und unreflektierte Unterordnung unter (selbsternannte) Autoritäten, welche vielleicht sogar zu unmoralischen oder unethischen Handlungen aufrufen. Genauso heißt „Höflichkeit“ nicht etwa die stillschweigende Duldung von Intoleranz und Menschenverachtung – auch nicht beispielsweise wegen Karriereängsten.

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Aber Höflichkeit bedeutet die Akzeptanz meines Gegenübers als Mensch, auch wenn ich nicht mit all seinen Auffassungen übereinstimme. Und diese Akzeptanz heißt auch, dass ich ihn nicht nach meinem Wunsche oder meinen Vorstellungen zu formen trachte, genau so wie ich auch nicht ungefragt ihm mein Weltbild mit missionarischem Eifer nahebringen muss. Manchmal soll ja auch sogar schon ein (höfliches) Lächeln den ein oder anderen Denkprozess in Gang bringen zu können.

 

Respekt darf aber auch nie die Ausrede dafür sein, nicht gegen Ungerechtigkeiten mit all seinen eigenen Möglichkeiten vorzugehen. Dies steht nämlich über jeder Kampfkunst: Kampf gegen Ungerechtigkeit. Oder um es mit dem 3. Paragraphen unserer Kampfkunst anders auszudrücken: „Karate ist ein Helfer der Gerechtigkeit.“ … aber dies haben wir ja bereits an anderer Stelle näher beleuchtet.

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Ihr /Euer 

Alexander Mitsanas, 

Trainer der Karateabteilung im PSV

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