Lerne Deinen Geist zu kontrollieren und befreie ihn dann

 ( Kokoro wa hanatan koto o yôsu. )

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So lautet die sechste der zwanzig Grundregeln, die unser Karatestilgründer Meister Funakoshi jedem ernsthaft Karatetreibenden ins Stammbuch geschrieben hat, verbunden mit der Aufforderung, diese in sein (Karate-)Leben zu integrieren und sie zu seinem „zweiten Selbst“ zu machen. 

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Wie schon in den letzten Ausgaben unserer Vereinsnachrichten, versuchen wir, in  Fortsetzungen diese zwanzig Regeln sowohl dem neugierigen Karateanfänger, wie auch dem interessierten Laien in allgemeinverständlicher Sprache näher zu bringen und das Versprechen einzulösen, dass da sinngemäß lautet: “Karate ist mehr als ein System effektiver Schläge und Tritte. Es enthält  tief verwurzelte und universelle spirituelle Wahrheiten.“

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Nein! Bevor jetzt die Furcht umgeht, dass Karate hier als eine Art Ersatzreligion gepriesen wird, kann ich hier gleich schon Entwarnung geben! Karate ist natürlich kein wie auch immer geartetes weltanschauliches oder religiöses Projekt, welches sich in Konkurrenz zu irgendeiner Religion oder weltanschaulichen Gemeinschaft sieht. 

Wohl aber fußt es auf einem philosophischen, ethischen und moralischen Wertesystem, welches es überhaupt erst ermöglicht, eine Haltung einzunehmen, die gleichzeitig um die gewaltigen wie auch die gewalttätigen Möglichkeiten der Anwendung von Karatetechniken weiß, und in Folge diese  stets nur in einem ethisch vertretbaren Kontext zur Anwendung bringt, sozusagen als Ultima ratio zum Schutze bedrängter Schwächerer. („Nothilfe“ bzw. „Notwehr“)

Kehren wir aber zu dieser heute zu besprechenden sechsten Regel zurück. „Lerne Deinen Geist zu kontrollieren“ so der erste Halbsatz. Wie geht das denn?

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Schauen wir uns hierzu einfach an, wie normalerweise Karate beigebracht wird ( - oder zumindest beigebracht werden sollte - ). Da sind zunächst mal mehr oder weniger komplizierte „Techniken“ die es zu meistern gilt. Technik ist hier gleichzusetzen mit einer genau definierten Abfolge von Anspannung und Entspannung einzelner bis hin zu allen Muskelgruppen bei Einsatz eines bestimmten Atemrhythmus. Nun stellt sich aber zunächst je nach Flexibilität, Beweglichkeit und einiger anderen sportphysiologischer wie auch -psychologischer Eigenschaften ein gewisses Gefühl ständiger Unzulänglichkeit oder sogar Überforderung ein. Der „Neu“karateka ist in diesem Stadium nahezu ständig damit beschäftigt, sich mit seinen ganzen geistigen Fähigkeiten darauf zu konzentrieren nicht seine Gliedmaßen zu verwechseln und so einigermaßen „gekonnt“ das Gesehene zu imitieren. Sobald er sich diese Grundbewegungen angeeignet hat, werden diese in unterschiedliche Raumrichtungen und Distanzen ausgeführt. Und man konzentriert sich wieder auf die technischen Details dieser Bewegungsmuster. Dann kommt die „Stunde der Wahrheit“, wenn man das erste Mal einem Partner gegenüber steht und eine vorgegebene Technik- und Bewegungsfolge sich mit diesem gemeinsam erarbeiten muss. Selbst was vorher noch als klar und (einigermaßen) beherrschbar schien, wird jetzt wieder die ein oder andere Frustration hervorrufen, da man grundsätzlich zu weit weg vom oder zu nah am Partner ist, als dass die Technik so funktionieren würde, wie man sie zuvor erlernt und zu verstehen geglaubt hat. Und wieder ist der Geist mit 1000 Dingen beschäftigt („wie erahne ich wie weit und wann der Partner sich bewegt“, „wie weit und mit welchem Timing habe ich mich zu bewegen“,  usw.), von einer „Kontrolle des Geistes“ kann hier sicher keine Rede sein. Obwohl so mancher nach einer halben Stunde tatsächlich geistig erschöpft sein wird.

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Erst mit der Zeit und „1000 Wiederholungen“ verliert das Neue seinen Schrecken, wird immer selbstverständlicher und bedarf immer weniger bewusster Konzentration. Ein Vorgang der jedem sicher auch schon im Alltag begegnet ist. Da wir irgendwann mal gelernt haben mit Messer und Gabel zu essen, denkt wohl kaum einer noch über die genaue Haltung seines Bestecks nach, wenn er (oder sie) im Restaurant, möglichst noch in angenehmer Begleitung, die Lieblingsspeise zu sich nimmt. Man hat normalerweise ganz gehörige Kapazitäten frei für die Konzentration auf geschmackliche Feinheiten, den Inhalt der Konversation, sein Gegenüber oder ähnliches.

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So ist es im Prinzip auch beim Karate. Die technischen Notwendigkeiten versinken immer mehr in eine unterbewusste Ebene. Der Geist selbst erhält jetzt wieder Freiräume in denen er sich entfalten kann und viel genauere Wahrnehmungen von seiner Umgebung  und seinem Gegenüber verarbeitet. Es fallen einem immer mehr kleine Signale auf, die zum Teil ( - zumindest bei kampfunerfahrenen Gegnern - ) deren Absicht schon kurz vor der eigentlichen Ausführung verraten und deshalb ein Zuvorkommen oder Vereiteln ermöglichen. 

Obwohl man jetzt schon ganz schön weit vorgedrungen ist ( - wobei aber ein hoher Prozentsatz aller Anfänger leider schon vorher sein Karatetraining abbricht - ) ist man immer noch im 1. Halbsatz, der die Kontrolle des Geistes beschreibt, verhaftet. Viele Gedanken stören hier nach wie vor die Entfaltung des Geistes, angefangen von Ängsten um potentielle Schmerzen oder Verwundungen, über die Ablenkung durch Umwelteinflüsse, die gar nicht zum eigentlichen Kampfgeschehen gehören, bis hin zur Ausarbeitung von taktischen oder strategischen Plänen.

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Erst die darauf folgende Bewusstseinsstufe beschäftigt sich mit dem 2. Halbsatz unserer Regel („..und befreie ihn dann“). Sie beschreibt das, was der Japaner mushin nennt. Das heißt übersetzt etwa „leerer Geist“ oder „nicht denken“. Erst das Loslassen von Gedanken ermöglicht auch das Loslassen des eigenen Körpers, d. h. die Realisierung einer  entspannten Körperhaltung, aus welcher heraus eine unmittelbare, verzögerungsfreie Reaktion auf ein sich ständig änderndes Kampfgeschehen erst möglich wird. Dies zu erreichen ist eines der höchsten aber auch elementarsten Ziele im Karate. In diesem Stadium wird ein echter Kampf - ohne auf günstige Zufälle angewiesen zu sein – erst wirklich möglich.

Übrigens ist dieser Zustand auch fürs Alltagsleben ein sehr erstrebenswerter. Gerade in Zeiten medialer und technischer Reizüberflutung wäre es doch schön, sich wieder auf die wirklich wichtigen Aspekte des Lebens und des menschlichen Zusammenseins konzentrieren zu können und die sich hierbei entwickelnde echte Freiheit wirklich zu erleben. Ein reizvoller Gedanke, wie ich finde.

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Ihr / Euer 

Alexander Mitsanas, 

Trainer der Karateabteilung im PSV

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